Auf britischen Pfaden

Im Fährhafen der DFDS in Dunkerque sah es ganz danach aus, als hätten mehrere Touristengruppen die Nacht ebenfalls nicht ganz so komfortbetont verbracht: Trotz der zeitigen Stunde war schon unheimlich viel los!
Die Überfahrt war ruhig, das Wetter sonnig und meine Frau fand schnell ihren Platz am für sie gesündesten Punkt: ganz vorn am Bug direkt in der Mitte. Hier schaukelt es am wenigsten, zumindest seitwärts.
Frühstück auf der FähreWeniger des Geschmackes wegen sondern mehr als Ritual wurde das Frühstück in der typisch englischen Variante zusammengestellt: gebackene Bohnen, Spiegelei, gebratene Blutwurst und Schinken, Bratwürstchen und Toast. Aus irgendwelchen Gründen waren allerdings die sauren Dosenpilze, mit denen man uns im vergangenen Frühjahr in einem Londoner Hotel verwöhnen wollte, gar nicht sauer. Nachträglich noch vielen Dank! An das Fährpersonal!
Das Frühstück war erstaunlicherweise so gut, dass meine bessere Hälfte von nun an ständig gebackene Bohnen in der handlichen Kilopackung kaufte und diese täglich ser…, nein: zelebrierte!
Die Grafschaft Kent winkte uns schon von Weitem mit ihren weißen Kreidefelsen zu. Vorfreude pur! Mit jeder Meile wuchsen allerdings auch die besorgten Fragen meiner Mitreisenden. „Linksverkehr, kannst du das noch?“ und „LKW rechts überholen? Bitte langsam!“ bestimmten fortan die Unterhaltung.
Der Linksverkehr ist nach einer kurzen Eingewöhnungszeit eigentlich kein großes Problem. Die Kreisverkehre sind so gebaut, dass man bereits vorher einen kurzen Linksbogen fährt und automatisch in die richtige Richtung einbiegt. Beachtet man die Regel, dass derjenige, der die erste Ausfahrt aus dem Kreisverkehr nehmen möchte, die linke Spur zum Einfahren nutzt und alle anderen die rechte Spur, kann eigentlich gar nicht viel passieren.
Außer, man findet im Kreisverkehr eine rote Ampel. Auf sowas sollte man sich einstellen und auch hier möglichst anhalten. Oder Doppelkreisel: mit dem Verlassen des ersten Kreisverkehrs befindet man sich sofort und ohne Bedenkzeit im zweiten Kreisverkehr. Eine spannende Sache!
Unser Ferienhaus befindet sich in der traditionelle Grafschaft Carmarthenshire im Südwesten von Wales. Damit hatten wir von Dover aus noch gut 300 Meilen oder knapp 5 Stunden Fahrzeit vor uns. Das Fahren auf den britischen Autobahnen verläuft weitgehend relaxt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf umgerechnet 112 km/h sorgt für angenehmes Reisen und der meist mindestens dreispurige Ausbau in jede Fahrtrichtung räumt genügend Platz zum Überholen ein. Von einem heftigen Überschreiten der Geschwindigkeitsbeschränkungen kann ich nur abraten. In regelmäßigen Abständen warnen Kameratafeln vor Radarkontrollen, im Großraum London prangen sie an fast jeder Brücke.
Kurz vor zwölf wurde vom Beifahrersitz Rast befohlen. Der nächste Rastplatz an der M25, Cobham Services, ist wie fast überall sehr gut ausgestattet. Als regelmäßiger Nutzer deutscher Autobahnen muss ich zwei Dinge begeistert feststellen.
Zum einen ist die Benutzung öffentlicher Toiletten kostenlos! Hätten wir während unseres Urlaubs für jede Pinkelpause zahlen müssen, hätte uns das insgesamt mindestens schlappe 35 Euro gekostet. Ausnahmslos alle Toiletten waren ansehnlich und sauber, nicht nur an den Autobahnen sondern auch die kleinen Toilettenhäuschen an den kleinen Straßen und Wegen mitten im Wald.
Zum anderen ist die Selbstbedienungsgastronomie wunderbar durchorganisiert, zumindest aus deutscher Sicht. Ein älteres Ehepaar hatte zweimal English Breakfast bestellt und beschäftigte die Bedienung damit ungefähr zwei Minuten bis Schlag zwölf. Mit dem Gongschlag bestellte ich unser Mittagessen entsprechend den beleuchteten Aushängen. Doch nix da! Die nette Bedienung gab mir zu verstehen, dass erst die Auslage aufgefüllt werden müsse. Ok, wird ja nicht so lange dauern. Aber anstatt die einzelnen Wärmebehälter nach und nach wieder zu befüllen, wurden sie komplett ausgetauscht. Die neuen Speisen standen schon unter dem Buffett bereit und wurden nacheinander langsam mit vorsichtig-behutsamen Bewegungsabläufen hervorgeholt. Nach nur dreizehn Minuten war alles fertig: neue Behälter mit neuen Speisen, neue Schöpflöffel und Messer, neue Teller, neue Lappen und vor allem neue Kunden, die sich inzwischen gut gelaunt in neuen Schlangen formierten. Denn sie wissen, dass bis exakt um zwölf Frühstück serviert wird und erst ab Punkt zwölf Mittagessen angeboten wird.

(Fortsetzung folgt …)
zum Reisebeginn

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8 Kommentare zu “Auf britischen Pfaden

  1. Sehr vergnügliches Lesen, ich warte gespannt auf die Fortsetzung! Nicht nur Bill Bryson („Notes from a small Island“, Pflichtlektüre für jeden der England liebt) bringt mich zum schmunzeln… 🙂 Ich werde Pit in Texas diesen Beitrag zeigen.
    Bis bald.
    Liebe Grüße
    Dina

  2. Da bin ich schon wieder. 🙂 Wir haben gerade, bei meinem und auch auf kbvollmarblog (und Pit und andere engagieren sehr stark) ein Diskussion über Probleme mit WordPress Ein Thema sind mehrsprachige Blogs und das Problem das WordPress dafür kein Tool hat, es ist einsprachiges System. Das wird sofern kompliziert wenn in 2 Sprachen schreibt und die Tags sich gegenseitig umbringt.Wie hast du das mit den unterschiedlichen Sprachen bei dir gelöst? Benutzt du Google Translator?

  3. Ich habe meine eigenen Erlebnisse wieder erlebt. Das britische Frühstück macht satt, aber so richtig. Die oft großen und mehrspurigen Kreisel lassen sich perfekt und ohne Einfahrstress durchfahren. Die Ampeln im Kreiselverlauf (z.B. Ayr in Schottland) machen es ziemlich easy. Die britische Gelassenheit ist sicher auch ein Resultat ihrer Gepflogenheiten.

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